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Killerspiele sind wie Musik

Dieses Thema im Forum "Computerspiele, Videospiele + Onlinegames" wurde erstellt von Enriquez_mz, 14 April 2011.

  1. Enriquez_mz

    Enriquez_mz Aktives Mitglied

    Auf den ersten Blick mag einem die Analogie zwischen den derzeitig geforderten Killerspielverbot und einem Musikverbot, nicht wirklich ersichtlich sein, aber wenn es um eine pauschale Verteufelung geht, dann ist es mit den Argumenten nicht weit her, wie uns die Vergangenheit lehrt:

    Walzer: Wegen der engen Körperhaltung galt der Tanz als unmoralisch. In Bayern wurden 1760 die „walzend und schutzend Tänz“ verboten, ab 1772 galt das Verbot auch im Land Salzburg, da es dabei zu „unzüchtigen Betastungen“ kommen konnte.

    Jazz: Am 12. Oktober 1935 verkündet Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky – einen Monat nach dem Erlass der so genannten Nürnberger Rassegesetze: “Mit dem heutigen Tag spreche ich ein endgültiges Verbot des Nigger-Jazz für den gesamten deutschen Rundfunk aus.” Diese Musik sei “eine Angelegenheit von Halbwilden” und gehöre deshalb “in ein Museum für Völkerkunde, nicht aber in ein Kulturinstitut”.

    Rock’n'Roll: Besonders sein Hüftschwung, der ihm den Beinamen „Elvis the pelvis“ („Elvis, das Becken“) einbrachte, wurde legendär, war aber auch ständiger Stein des Anstoßes für die öffentliche Meinung im konservativen Klima in den USA der 50er Jahre. Elternverbände und allen voran die Kirche fürchteten einen generellen Verfall von Sittlichkeit, Moral und ethischen Werten bei der fanatisierten Jugend; ein großer Teil der amerikanischen Presse verteufelte ihn aufgrund dessen u. a. als „Botschafter des schlechten Geschmacks“, „sexuellen Freibeuter“ oder gar „musikalischen Abschaum“ und heizte die Stimmung dadurch zusätzlich an. Das führte soweit, dass ihm in manchen Bundesstaaten die Polizei wegen des starken öffentlichen Druckes bei Konzerten den Hüftschwung unter Androhung von Strafen verbot.

    Rock’n'Roll / Beat: In DDR-Zeiten verbot die zuständige Kulturbehörde Musikgruppen, wenn sie deren Musik für zu westlich oder für regimekritisch hielt. Besonders abgesehen hatten es die DDR-Oberen auf den Rock`n`Roll, der so genannten Beat-Musik. Sie wurde 1965 verboten.
     


  2. Als große Verfechterin des Beat kann ich den Vergleich mit irgendwelchen Videospielen nicht durchgehen lassen … Den Vorwurf, Musik dieser Art mache in einem solchen Maße aggressiv, gab es zum Glück nie.

    Dennoch ist es erfreulich, daß Du an diese Begebenheiten erinnerst, und noch erfreulicher ist es, daß der RocknRoll nicht aufzuhalten war!
     
  3. Enriquez_mz

    Enriquez_mz Aktives Mitglied

    Damals gab es sogenannte Amokläufer noch nicht. Aber das Thema Gewalt in Bezug zur Beatmusik gab es sehr wohl und dies in mehreren unmittelbaren Zusammenhängen. 1965 wurde z.B. bei dem Rolling Stones Konzert in der Gruga-Halle ordentlich randaliert und Stühle usw. wurden demoliert, was aber nichts im Vergleich zu den Todesfällen 1969 war, wo bei dem Rolling Stones Konzert, die Hell’s Angel für die Sicherheit zuständig waren.

    Vergleichen tue ich indes nur die absurden Argumentationen, wo nicht auf die realen Probleme der betroffenen Jugendlichen eingegangen wird, sondern zumeist, der Älterengeneration fremde Jugendkultureinflüsse, auf plumpe Art und Weiße, die Schuld zugeschoben werden. Hier mussten in der Vergangenheit oft die Musik, Filme und heute auch die Egoshooter herhalten.
     
  4. Dirk Becker

    Dirk Becker Guest

    Genau.

    Und es bleibt die Frage zu klären, was zuerst da war: die Bereitschaft zur Gewalt, und der Versuch sie durch Videospiele zu kompensieren oder Videospieler, die beim lauter Spielen zu aggressiven Monstern werden.

    Ich glaube eigentlich nicht, das jemand, der aus einem stabilen Umfeld stammt und ein gewisses Urvertrauen hat durch Musik oder Videospiele seine Gewaltbereitschaft erhöhen kann. Verantwortlich ist eher der zwischenmenschlich Umgang und eine Lösung könnte eine fortschreitende Sensibilisierung der Bevölkerung sein. Allerdings haben wir hier auch die Crux, weswegen die Politik lieber irgendwelche Verbote fordert:

    Niemand kann uns zwingen sensibel und aufmerksam zu sein. Ein solches Gesetz durchzubringen könnte schon aufgrund juristischer Definitionen schwierig werden. Um aber nicht macht- und tatenlos da zu stehen, machen Politiker halt sogenannte Symbolpolitik. Für mich soweit nachvollziehbar, was mich wirklich ärgert ist, das jetzt wieder sehr viele Resscourcen für die Debatte um Subkulturen aufgewendet werden, die zum Beispiel für die Integration von Aussenseitern besser aufgewendet wären.

    Aber mich fragt ja keiner.
     
  5. sanja

    sanja Guest

    erinnert mich daran dass schokolade vor 200 jahren auch verboten war…
    ja, in allerspätestens 50 jahren, von glück können wir reden wenn nicht schon früher, werden unsere enkel bzw. kinder uns wegen unserer gesetze auslachen
     
  6. Ja, auf einem Konzert zu randalieren ist aber immer noch etwas anderes als Menschen zu erschießen. Und der Todesfall im Zusammenhang mit den Hell’s Angels war zum einen zum Glück eine Ausnahme und hatte zum anderen eben mit den Hell’s Angels zu tun.
    Es ist schon ein Unterschied, ob neue Jugendphänomene skeptisch beobachtet werden oder ob am Ende Leute umgebracht werden. Seinerzeit meinten ja übrigens noch einige Erwachsene, die sog. Gammler sollten vergast werden.

    Bei Schokolade, Büchern, Popmusik, Eisenbahn etc. kann man ja noch froh sein, daß sie sich durchgesetzt haben. Aber sich schon im Spiel (oder auch in manchen schlimmen Rappertexten) mit brutaler Gewalt zu befassen ist echt ne andere Nummer. Natürlich kann man die möglichen Auswirkungen nicht mit dem Konsum von Killerspielen über einen Kamm scheren und sollte die Ursachen für den Konsum mit einebziehen.
    Im Spiegel letzte Woche war ja ein ganz interessanter Artikel über dieses sehr komplexe Phänomen. Die Wahrheit mit Löffeln gefressen hat er natürlich auch nicht, aber wer hat das schon.
     
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